Alle deutschen Athletinnen, die an der Europameisterschaft in Moskau teilnahmen, wurden bereits interviewt. Bis auf eine: Hannah Meul. Im Gegensatz zu den anderen Mädels wurde sie nach dem Wettkampf interviewt und berichtet dementsprechend für euch von ihren Erlebnissen. Bereitet euch vor, auf spannende Hintergrundfakten und persönliche Erfahrungen ihrerseits!

 

Interview:

Was war dein erster Eindruck von Moskau, sowohl vom Land, als auch von der Wettkampfanlage?

Von dem Land habe ich nicht viel mitbekommen, weil wir abgesehen von der Halle, meistens im Hotel waren. durch die aktuelle Situation wollten wir Sightseeing vermeiden. Die Wettkampfstätte war fantastisch! Der Aufbau war genial. Mir hat es noch nie so viel Spaß gemacht an einem Wettkampf teilzunehmen.

Hat es dich gestört, dass keine Zuschauer dabei waren?

Eigentlich nicht, man nimmt die Zuschauer in dem Moment auch nicht so wahr. Natürlich „pusht“ es die Leistung, wenn man angefeuert wird, aber grundsätzlich bin ich ziemlich dankbar, dass der Wettkampf überhaupt stattfinden konnte.

Stehst du dem ganzen Wettkampfgeschehen kritisch gegenüber?

Vor dem Flug hatte ich große Zweifel. Ich habe mich beispielsweise gefragt, ob es vertretbar sei nach Moskau zu fliegen, obwohl das gesamte Land als Risikogebiet ausgeschrieben ist. Natürlich stand auch die Frage aus, ob es überhaupt ein fairer Wettkampf ist. Aber kurz vor dem Wettkampf dachte ich: „Mit so einem Mindset kannst du nicht dorthin fliegen.“ Im Nachhinein bin ich der Überzeugung, dass sich der Wettkampf enorm gelohnt hat und dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Hast du dich gut vorbereitet gefühlt?

Ich muss zugeben, dass ich am Anfang des Jahres wirklich perfekt vorbereitet war. Das hat leider etwas nachgelassen. Besonders in der Disziplin Speed war ich für meine Verhältnisse am Anfang des Jahres sehr schnell. Dadurch dass es unklar war, ob der Wettkampf stattfinden wird oder nicht, habe ich dann leider das Speedtraining sehr vernachlässigt. Im Bouldern und Lead habe ich mich sehr gut vorbereitet gefühlt, weil ich die beiden Disziplinen auch viel mehr geübt habe. Wir hatten ja auch mehr Zeit für das Training als normalerweise und deshalb war ich in den Disziplinen vielleicht sogar besser vorbereitet als am Anfang des Jahres.

Wie verlief dein Training?

Das ganze Jahr über habe ich mir viele kleine Ziele gesetzt. Dadurch dass keine Wettkämpfe stattfinden konnte, musste ich nicht wie sonst auf ein großes Ziel hinarbeiten. Ich habe mich außerdem viel mehr auf die Disziplin Lead konzentriert, als ich das in den Jahren davor getan habe. Ich komme schon mehr vom Bouldern und habe das noch nie ausprobiert mich in meinem Training voll auf das Klettern zu fokussieren.

Zwei oder drei Wochen vor dem Wettkampf habe ich dann immer wieder den Combined-Wettkampf nachgespielt. Eine ganze Woche habe ich den gesamten Wettkampfverlauf nachgespielt. An einem Tag die Speedqualifikation, am nächsten die Qualifikation fürs Bouldern usw.

Die anderen drei Mädels aus dem deutschen Kader waren an einem Samstag auch in unserer Halle, um den Comined-Wettkampf durchzuspielen, aber du warst nicht dabei. Trainierst du grundsätzlich nicht mit ihnen?

Ich bin in Köln geboren und studiere jetzt auch in meiner Heimatstadt, deshalb bereite ich mich allein auf die Wettkämpfe vor. Natürlich versuche ich so oft wie möglich mit dem Kader zu trainieren, aber die Distanz ist dann doch relativ groß.

Wie liefen die einzelnen Disziplinen für dich?

Grundsätzlich war ich super zufrieden. Die beste Disziplin war mit Abstand Lead, denn da konnte ich ja auch im Einzelwettkampf im Finale klettern und da habe ich mich auch sehr konzentriert gefühlt. Das Bouldern ist nicht so gut für mich gelaufen, da habe ich mich gleich durch den ersten Boulder rausbringen lassen. Manchmal bekommt man seinen Kopf unter Kontrolle und manchmal nicht. In dem Fall hat es nicht funktioniert und das hat sich dann durch die ganze runde gezogen. Vor dem letzten Boulder, einer auf der Platte, konnte ich mich nochmal beruhigen, sodass ich da eine ganz gute Leistung gezeigt habe. Insgesamt war ich ganz zufrieden, aber es hätte besser laufen können. Speed war nicht so überragend, aber das war zu erwarten. Mein Ziel war eigentlich eine 10er Zeit, das habe ich allerdings leider nicht geschafft. Trotzdem war das ganz ok.

Ich war dann eher überrascht von meiner Leistung im Finale in der Disziplin Speed. Da habe ich nämlich meine Bestzeit erreicht, sogar besser noch als am Anfang des Jahres. Das lag an der beeindruckenden Atmosphäre im Stadion, die mich total „gepusht“ hat. Auch einfach das Gefühl im Finale zu sein und alles geben zu können und vor allem bis zum Ende kämpfen zu können. Das war unglaublich.

Wie fandest du die Routen bzw. Boulder?

Es war grundsätzlich super geschraubt. Natürlich war es sehr „hautlastig“, aber das ist bei einem Wettkampf mit einer solchen Länge völlig normal. Die Boulder in der Combined-Qualifikation waren etwas leicht geschraubt. Das war für mich natürlich sehr schade, weil ich mich, als Boulderin, von den anderen Athletinnen abgrenzen wollte. Wenn der Boulder dann allerdings von nahezu allen geflasht wird, ist das schwierig. Aber grundsätzlich fand ich die Boulder gut.

Warst du überrascht von anderen Athlet*innen?

Das war sehr spannend, denn dadurch, dass keine Wettkämpfe stattfinden konnten, hatte man keine Möglichkeit die anderen Athlet*innen einzuschätzen. Das Trainingslevel der anderen war völlig unklar. Es war sehr spannend zu sehen, welche Fortschritte die anderen und welche Fortschritte man selbst gemacht hat.

Natürlich fand ich es super beeindruckend, dass die Russin (Viktoriia Meshkova) in allen Disziplinen so konstant stark sein konnte. Sowohl im Bouldern, als auch im Lead und sogar im Speed. Sie hat den Sieg wirklich verdient.

Warst du überrascht, dass du im Combined-Finale gelandet bist?

Grundsätzlich war das mein persönliches Ziel, was ich so nie ausgesprochen habe. Ich wollte bis zum Ende kämpfen können.

Hattest du viel mit deiner Aufregung zu kämpfen?

Ich war schon aufgeregt, besonders im Lead-Halbfinale, aber in den anderen Runden war es in Ordnung. Ich konnte eigentlich gut mit einem freien Kopf klettern. Ich war einfach dankbar und habe es genossen.

Bist du zufrieden mit deiner Leistung?

Ich bin super, super zufrieden mit meiner Leistung. Vor allem bin ich sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte und dass der Wettkampf so stattfinden konnte. natürlich war es ein bisschen schade, dass ich das Siegertreppchen verpasst habe. dadurch, dass ich die Zone im letzten Boulder verpasst hatte, habe ich mir diese Chance verpasst.

 

Hier noch ein abschließendes Zitat über den Wettkampf:

"Ich habe jeden Augenblick des Wettkampfes genossen, sogar Speed. Diese Disziplin hat mir noch nie so viel Spaß gemacht wie in diesem Wettkampf. Das war mega!"

 

Wenn ihr alle Ergebnisse nachlesen wollt, lest doch unseren Artikel „Review der Europameisterschaft in Moskau“ unter News oder klickt einfach auf folgenden Link:

IFSC Ergebnisse Europameisterschaft in Moskau